March 5, 2011
“Der Sekretär” Roman von Thomas Gatzemeier Leseprobe

ZUSAMMENFASSUNG

Ein junger Mann hat eine in den 1970er Jahren nicht ganz unübliche
Begegnung mit der Staatsmacht der DDR, jedoch ist nicht klar, welches
Vergehens er beschuldigt wird. Die Geschichte, die als Entwicklungsroman
gelesen werden kann, schildert am Ende eine Begebenheit,
die so nie stattgefunden hat, obwohl sie eine logische Schlussfolgerung
des Geschehenen wäre.
Die Sondervorstellung des Provinztheaters für sowjetische Soldaten
gipfelt in einem Gelage und der sexuellen Begegnung zwischen einem
Komsomolzen und einer FDJ-Funktionärin. „Negativ-dekadente“
Jugendliche treffen sich in einer Dachkammer; um „Westmusik“ zu
hören.
Zwei alte Frauen laufen in die Nacht. Erinnerung. Vergangenheit. Des
Sekretärs Leben als junger Mann, sein Bemühen, der Kleinstadt zu
entfliehen und wie er dies durch den Eintritt in eine Wachkompanie
der SS schafft, werden geschildert. Frauen spielen für den gehemmten
Mann eine große Rolle, obwohl er ihnen nie richtig nahe sein kann.
Nach einem Vorfall im Dienst wird er an die Front im Osten versetzt,
gerät dort in Gefangenschaft und kehrt geläutert, als „Kommunist“,
nach Deutschland zurück.

Als er in Berlin die resolute Tochter eines Ministers kennenlernt, ist
sein Weg an die Macht vorgezeichnet. Er wird erster Sekretär der
SED-Kreisleitung. In klaren, satten Bildern wird eine Jugendbewegung
geschildert, die der westlichen nicht unähnlich, aber unter den
Bedingungen der DDR doch eine ganz andere ist. Sie ist wild, erotisch
aufbegehrend, doch immer von außen bekämpft. Eine junge Frau löst
sich nicht nur von ihrem linientreuen Elternhaus, sondern ist auch in
der Lage, der Anwerbung durch einen Stasioffizier standzuhalten.


ALS DER TENOR SEINEN EINSATZ HATTE und »Herr erbarme dich,
Christus erbarme dich« sang, verließ Marion Schmidt das Haus auf
der Zweckengasse. Sie hatte eine viel zu enge FDJ-Bluse an, einen
blauen Faltenrock, der viel zu kurz war, die weißen Socken, am Bund
oben ausgeleiert, krempelten sich von allein um und bildeten eine
unschöne Girlande an ihren zarten Fesseln. Blaue Stöckelschuhe hatte
sie sich aus dem Fundus des Theaters entliehen, auch das blaue
und rote Pionierhalstuch hatte sie nicht vergessen umzubinden.
Marion ging durch die Beckerstraße zur Haltestelle an der Sonne,
um mit der Linie A zum Verwaltungsgebäude des VEB Kombinat
Schlösser und Beschläge zu fahren. Jugendliche, die ihr entgegen kamen,
machten zotige Bemerkungen, über die sie lächeln musste.
Marion war froh, als der Bus gekommen, sie am VEB ausgestiegen
war und zur Reichensteinstrasse hinüber die Straßenseite wechselte.
Sie sollte sich neunzehn Uhr bei Oberst Schmidt melden, die Vorladung
hatte sie in ihre Bluse gesteckt. Eine plärrende Stimme fragte
durch die Wechselsprechanlage, nachdem sie auf die namenlose
Klingel gedrückt hatte: »Wer da? Melden!«
Marion stotterte: »Ich, ich, äh, habe hier eine Vorladung – für
hier, heute.« Der Summer summte und schnarrte, Marion schob die
schwere Eisentür auf und sah, dass sie ein Gesicht durch den Rückspiegel
eines Lastwagens, der am Wachhäuschen angebracht war, anglotzte.
Zögernd ging sie zur Pforte, griff in die Bluse und zeigte die
Vorladung hin.
»Warten Sie, Genossin.«
»Entschuldigung, äh, ich bin keine Genossin.«
»Wird noch, wird noch! Kandidatin?«
Marion schüttelte verlegen mit dem Kopf und benutzte ihren unschuldigsten
Augenaufschlag.
»Na, dann«, sagte der Wachhabende, nahm den schweren, schwarzen
Bakelithörer eines besonders großen Telefonapparates ans Ohr
und rief Oberst Schmidt an. Ratschend klackerte die Wählscheibe
im Takt der Zahlen, als er die drei Nummern wählte, während er
abwechselnd auf Marion und die Vorladung schaute, die auf schmutzig-
graues Papier gedruckt war.
»Teilnehmer! Teilnehmer!«, rief er in das Mikrofon des schwarzen
Hörers.
»Ach, da sind Sie ja Genosse Oberst, hier bei mir ist eine Schmidt,
Marion – Vorladung. Ja, ja von Ihnen. Ja, Nummer Siebenhunderachtunddreißig.
Ja, Genosse. Zu Befehl, Genosse Oberst. Ende.
Gehn se mal hoch, ich drücke die Tür auf, und da dann holt Se
jemand ab, ja.«
Marion ging die Freitreppe zur Villa hoch, der elektrische Schließer
schnarrte unablässig. Ein Soldat des Ministeriums für Staatssicherheit
führte Marion die lang und elegant geschwungene Treppe
hinauf. Führte sie den nicht enden wollenden Gang ganz nach hinten,
drückte auf einen Knopf, der unter einer schäbigen, vielfach
gerissenen Plastikklappe verborgen war, und öffnete die Tür. Marion
stand im Büro von Oberst Schmidt, schaute sich um, als die Tür
geschlossen wurde. Diese war mit Lederpolster bezogen.
Schmidt saß hinter seinem Schreibtisch, links ein offenstehender
Panzerschrank mit Akten und einigen Flaschen Schnaps, Maria Cron,
Asbach Uralt und mehrere Flaschen Whisky, alles vom Klassenfeind,
eben das, was die Westpakete so hergaben, rechts die zwei vergitterten
Fenster zum Park hinaus, man konnte zur Freiberger Mulde hin
eine Betonmauer erkennen, auf der Stacheldraht gespannt war. Bei
dieser Mauer ragte der Stacheldraht nach außen in die Flussaue hinein,
kein Efeu suchte sich an ihm Halt. Schäferhunde liefen an Seilen
hin und her. Stoisch zog ein Soldat, die Kalaschnikow geschultert,
seine Kreise, oder waren es zwei, drei, vier verschiedene Soldaten?
Es ließ sich nicht sagen, sie sahen alle gleich aus, als kämen sie aus
einer Manufaktur, und sie bewegten sich wie die Figuren auf einer
Weihnachtspyramide, unter deren Flügeln vier Kerzen brennen und
ihre Wärme nach oben zu den Flügeln steigen lassen.
»Ah, da sind Sie ja, Jugendfreundin Schmidt. Nicht so zaghaft. Ich
beiße nicht.« Schmidt kicherte, sein rundes Gesicht mit den langen
grauen Igelhaaren, verzog sich zu einem Grinsen.
Dann ernst: »Sie wissen, warum Sie hier sind?«
Marion hatte sich gefasst, holte ihre kindlichste Stimme hervor.
»Nein, Genosse, nein, das weiß ich nun wirklich nicht.« Und setzte
sich kokett auf den Stuhl vis à vis von Schmidt.
»Nun, wie geht es denn so im Theater, Jugendfreundin?«
»Oh ja, wir haben sehr viel zu tun. Der Peter Hacks. Obwohl,
das Problem mit der Drehbühne. Und die Kostüme sind auch noch
nicht ganz fertig. Aber das wird, das wird, der Genosse Intendant
setzt alle Räder in Bewegung, und einen Subbotnik haben wir auch
schon gemacht. Oh ja, das mit dem »Armen Ritter«, das bekommen
wir hin. Das geht, das geht. Wir wollen ja zu Ehren des Jahrestages.
Ja, wir wollen noch mehr Aufführungen machen, und unser
Kollektiv, ich meine das sozialistische Kollektiv der Schauspieler,
scheut keine Anstrengung! Nein! Und die Patenbrigade vom VEB
Jugendmode kommt auch nach der Arbeitszeit in die Schneiderei
und macht sozialistische Hilfe. Ja, die nähen bis in die Nacht hinein
Kostüme. Auch vom »Armen Ritter«. Nur die Halogenstäbe für die
Scheinwerfer. Aber darum kümmert sich jetzt die Genossin aus Berlin.
Ja, das Kulturministerium hat versprochen, bis zum Jahrestag ist
die Bühne wieder hell. Das geht ja nicht so. Der »Arme Ritter« muss
doch richtig ausgeleuchtet werden, damit unsere Bürger auch Freude
daran haben.«
Die Sätze kamen wie aus der Pistole, so wie sie es vor dem Spiegel
geprobt hatte. Oberst Schmidt strengte sich an, nicht die Fassung zu
verlieren. Nervös drehte er eine Zigarettenschachtel in der Hand.
»Und für den Umzug, ja für den Umzug zum Jahrestag der Deutschen
Demokratischen Republik, da proben wir was ganz – was Besonderes
ein. Genosse! Da werden Sie sehen und staunen. Von der
Tribüne runtersehen und staunen. Da können Sie dann stolz sein
auf die Kulturschaffenden der Kreisstadt, mit der SED-Kreisleitung
zusammen und ihren Gästen aus der Sowjetunion. Was wir dann, zu
der Ehre und dem Ruhm unserer sozialistischen Republik, machen
werden …«
»Jugendfreundin Schmidt, wir haben gehört, dass Sie Umgang mit
negativ-dekadenten Elementen hier in unserer Stadt haben. Stimmt
das?«

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