January 3, 2012
Karls beweglicher HochsitzJahrelang blieb ihm nichts anderes übrig als mit anderen auf Jagt zu gehen. Karl Schnabel bekam trotz unentwegten Bemühens kein eigenes Revier. Geld hatte er zur Genüge und selbstverständlich auch ein anerkanntes Renommee. Als Sparkassendirektor in der nahen Kreisstadt kannte er die Jäger der Region und ihre finanziellen Verhältnisse wie kein Anderer. Alle Reviere aufgeteilt und in Ewigkeit festgezurrt. So schien es zu sein. Da im Unterschied zu anderen ländlichen Gebieten selbst die gebildetsten Söhne nicht vom Ort und in die Welt gehen wollten, war nichts zu machen. Sie übernahmen seit Generationen das väterliche Recht zum waidgerechten Erlegen der hiesigen Wildtiere und heirateten vornehmlich junge Frauen aus den umliegenden Dörfern und Ortschaften. Kein Anderer kam in irgendeinem der Reviere zum Zug oder Schuss. Karl Hubert, der ein beständig expandierendes Fuhrgeschäft betrieb, welches sein Urgroßvater aufgebaut hatte, konnte gut mit Schnabel und er nahm ihn auch, fast immer, mit auf seinen Ansitz. Sie schwiegen, wenn es notwendig war, und unterhielten sich, wenn es etwas zu besprechen gab. Über die Jahre erlegten sie einiges an Wild und hatten es fertiggebracht in ein und derselben Millisekunde ihre Schüsse abzufeuern ohne das sie sich ins Gehege gekommen währen - der eine das Stück Wild des anderen durch explodierendes Pulver verjagte oder ihm gar einen stattlichen Hirsch unter der Flinte erlegte. Die Beiden (obwohl von unterschiedlicher körperlicher Beschaffenheit – der Fuhrunternehmer litt an Adipositas) passten zusammen und Karls Sohn kam immer seltener mit, weil er zum Studieren nach Heidelberg aufgebrochen war. Ihnen raubte nichts die Ruhe, da sie weit vor Einbruch der Dunkelheit das Revier betraten - sprich befuhren - und nach frischen Fährten suchten. Nach diesen wählten sie den Hochsitz aus, auf dem sie so lange ausharrten, bis die kleine Herde Damwild es sich direkt vor ihnen bequem gemacht hatte. Äsung war auf den ausgesuchten Lichtungen genügend vorhanden. Ohne die Luft anzuhalten, aber absolut still, lauerten sie, die Waffe im Anschlag, um das zu erlegende Stück sorgfältig auszuwählen. Warf eines der Tiere den Kopf auf, sei es durch kackendes Geäst oder eines vorbeischnürenden Fuchses wegen, schossen sie ihren einen Schuss zusammen ab und zwei stattliche Stücke Rothwild lagen vor ihnen hingebettet ohne sich weiter zu rühren. An dem Tag, als die Karls ihre Gewehre entluden, nachdem sie die Ansitzleiter runterstiegen, weil kein Wild auftauchte, war klar, das nichts mehr vorauszuberechnen währe, da die Winde machten, was sie wollten. Kam früher der Wind vorzugsweise aus West, kam er in letzter Zeit immer öfter aus Ost oder gar Süd. Dafür waren die Ansitzeinrichtungen in ihrem Revier nicht gedacht. Es gibt guten und schlechten Wind. Der Gute kommt von vorne. Ihnen wehte der Wind schon seit Tagen in den Nacken und trug ihren Geruch zum Wild und verstänkerte es. Die Gefahr war gegeben, dass sie das Wild auf Dauer vergrämen. Und nicht nur das. Karl Schnabel merkte, dass Karl Hubert schlecht gelaunt war wie selten. Das nicht bei jedem Ansitz etwas erlegt wird war ihnen nicht neu. Und wenn sie früher auch unverhältnismäßig viel Erfolg hatten, waren diese wenigen vergebenen halben Nächte kein Grund schlechte Laune zu bekommen. In Karl Huberts Toyota Land Cruiser hielt Karl es nicht mehr aus und fragte Karl. „Was ist los mit dir? Ist dir ne Wildsau über die trockne Leber gelaufen?“ Der Karl am Lenkrad schnaufte, nicht unähnlich eines Ebers, und knurrte dann vor sich hin. „Hätte ich den Kerl nur nicht Germanistik studieren lassen. Seine Mutter sagt der Mensch macht nur das gut, was er gerne tut. Als hätte ich mir was aussuchen können – damals.“Karl der Sparkassendirektor versuchte Karl zu trösten. „Lehrer an unserem Gymnasium ist nicht schlecht, auch wenn dir der Nachfolger fehlt. Es gibt Schlimmeres.“„Schriftsteller will der werden. Nicht Lehrer.“ Grunzte Karl abfällig. „Und letztens hat er sich geweigert mit mir auf die Jagt zu gehen. Findet “Tiere ermorden” neuerdings widerlich. Wie er sagt. Der wird mir noch zum Müßlifresser verkommen. Ganz blass sieht er schon jetzt aus. Womit habe ich das verdient!“ „Ich dachte Schriftsteller leben in einem permanenten Exzess. Sitzen den Tag über in der Bar und denken bei diversen Drinks nach was sie in der Nacht am Schreibtisch mithilfe einer Flasche Whisky aufschreiben wollen.“ Karl Hubert schnaufte verächtlich und schwieg auf der Rückfahrt. Sie vereinbarten auch keinen neuen Termin für die kommenden Abende, als er den Sparkassendirektor an seinem Einfamilienhaus absetzte. Der Fuhrunternehmer sah Karl Schnabel nicht in die Augen, als sie sich verabschiedeten, gab aber beim Anfahren dermaßen heftig Gas, das alle vier Räder kurz durchdrehten ehe das ESP eingriff. Am darauffolgenden Vormittag rief Karl Karl in der Sparkasse an und sagte ihm, dabei um Fassung ringend, er gebe sein Jagdrevier auf. Ob es Karl übernehmen möchte – fragte er. Karl vergaß die Order eines wichtigen Kunden auszuführen.Einerseits war da die Freude über ein eigenes Revier. Andererseits war da der unberechenbare Wind. Ab Februar bleiben ihm nur Schwarzwild und Böcke. Schmalspießer, Hirsche und Ricken haben Schonzeit. Eine Jagtsaison ohne ordentliches Gehörn. Er wusste, das er, zumal als Jungpächter, zum Gespött würde, wenn er zum Schützenfest nichts vorzuzeigen hat. Und das nur wegen des Windes. Karl wollte all seine Hochstände neu ausrichten zu lassen, kam aber, nachdem er den Kostenvoranschlag der Forstverwaltung sah, schnell davon ab. Es gab auch tausenderlei Sicherheitseinwände. Eine Straße da. Ein Wanderweg dort. Selbst eine Hühnermastanlage stellte sich als sicherheitsrelevantes und zu schützendes Objekt heraus. Sein Budget die Jagt betreffend wollte er nicht überziehen, zumal seine Frau, die sich von ihm mittlerweile getrennt hatte, happige Ansprüche geltend machte. Da kein Ertrag durch verkauftes Wildbret zu erwarten war stand das diesbezügliche Konto schon vor der Schonzeit tief im roten Bereich. Er grübelte in seiner Dachkammer und fand einfach keine Lösung des Windproblems. Karl war zuhause ausgezogen, da seine Frau das Eigenheim für sich beanspruchte, weil sie meinte, er wohne ohnehin im Wald.Der alljährliche Karnevalsumzug in der Kreisstadt brachte den Durchbruch. Karls Leben war gerettet. Er sah den Karnevalsprinzen hoch oben auf einem der Wagen in einer Kiste mit Dach stehen, aus der er Karamelle auf die angetrunkenen Massen warf. Das zusammengezimmerte Ding sah aus wie eine Karikatur einer seiner Hochstände. Karl erinnerte sich, als er vom Fenster, von dem aus er den Umzug beobachtet hatte, zurück zu seinem Schreibtisch ging, an einen alten Stellmacher in Lohfelden und beauftragte ihn die Idee eines fahrbaren Hochstandes in die Realität umzusetzen. Ehe die Schonzeit zu Ende war, fuhr er seinen Hochstand Abend für Abend an den Wald und in den rechten Wind. Wählte saftig bewachsenen Lichtungen aus, und suchte die am intensivsten begangenen Wildwechsel. Schoß Schwarzwild in solchen Massen, das er noch nicht einmal die ihm zustehende Leber essen konnte und sie weiträumig verschenken musste. Selbst den vom niederem Haarwild benutzten, schlecht zu findenden, Pass konnte er bequem bejagen und begehrte Feldhasen (schwarz) für einiges Geld an ein Sternerestaurant liefern. Ein Jahr lang lebte Ernst mehr im Wald als hinter seinem Schreibtisch. Hatte sich zum Meister des Delegierens entwickelt und dachte bezüglich der Arbeit an seinen Vorruhestand, als er, von meinem auf den anderen Tag, fristlos entlassen wurde. Die Order, die er vergaß auszuführen als Karl im unerwartet sein Revier anbot, betraf, kurz darauf wertlos verfallene, Lehmann-Zertifikate. Auftraggeber war der Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Kreissparkasse.Seitdem sieht man Karl, seien Hochstand im Schlepp, übers Land, nördlich von Kassel, ziehen.© 2012// Thomas Gatzemeier

Karls beweglicher Hochsitz

Jahrelang blieb ihm nichts anderes übrig als mit anderen auf Jagt zu gehen. Karl Schnabel bekam trotz unentwegten Bemühens kein eigenes Revier. Geld hatte er zur Genüge und selbstverständlich auch ein anerkanntes Renommee.
Als Sparkassendirektor in der nahen Kreisstadt kannte er die Jäger der Region und ihre finanziellen Verhältnisse wie kein Anderer. Alle Reviere aufgeteilt und in Ewigkeit festgezurrt. So schien es zu sein.

Da im Unterschied zu anderen ländlichen Gebieten selbst die gebildetsten Söhne nicht vom Ort und in die Welt gehen wollten, war nichts zu machen. Sie übernahmen seit Generationen das väterliche Recht zum waidgerechten Erlegen der hiesigen Wildtiere und heirateten vornehmlich junge Frauen aus den umliegenden Dörfern und Ortschaften. Kein Anderer kam in irgendeinem der Reviere zum Zug oder Schuss.

Karl Hubert, der ein beständig expandierendes Fuhrgeschäft betrieb, welches sein Urgroßvater aufgebaut hatte, konnte gut mit Schnabel und er nahm ihn auch, fast immer, mit auf seinen Ansitz. Sie schwiegen, wenn es notwendig war, und unterhielten sich, wenn es etwas zu besprechen gab. Über die Jahre erlegten sie einiges an Wild und hatten es fertiggebracht in ein und derselben Millisekunde ihre Schüsse abzufeuern ohne das sie sich ins Gehege gekommen währen - der eine das Stück Wild des anderen durch explodierendes Pulver verjagte oder ihm gar einen stattlichen Hirsch unter der Flinte erlegte.

Die Beiden (obwohl von unterschiedlicher körperlicher Beschaffenheit – der Fuhrunternehmer litt an Adipositas) passten zusammen und Karls Sohn kam immer seltener mit, weil er zum Studieren nach Heidelberg aufgebrochen war.

Ihnen raubte nichts die Ruhe, da sie weit vor Einbruch der Dunkelheit das Revier betraten - sprich befuhren - und nach frischen Fährten suchten. Nach diesen wählten sie den Hochsitz aus, auf dem sie so lange ausharrten, bis die kleine Herde Damwild es sich direkt vor ihnen bequem gemacht hatte. Äsung war auf den ausgesuchten Lichtungen genügend vorhanden. Ohne die Luft anzuhalten, aber absolut still, lauerten sie, die Waffe im Anschlag, um das zu erlegende Stück sorgfältig auszuwählen. Warf eines der Tiere den Kopf auf, sei es durch kackendes Geäst oder eines vorbeischnürenden Fuchses wegen, schossen sie ihren einen Schuss zusammen ab und zwei stattliche Stücke Rothwild lagen vor ihnen hingebettet ohne sich weiter zu rühren.

An dem Tag, als die Karls ihre Gewehre entluden, nachdem sie die Ansitzleiter runterstiegen, weil kein Wild auftauchte, war klar, das nichts mehr vorauszuberechnen währe, da die Winde machten, was sie wollten. Kam früher der Wind vorzugsweise aus West, kam er in letzter Zeit immer öfter aus Ost oder gar Süd. Dafür waren die Ansitzeinrichtungen in ihrem Revier nicht gedacht.

Es gibt guten und schlechten Wind. Der Gute kommt von vorne. Ihnen wehte der Wind schon seit Tagen in den Nacken und trug ihren Geruch zum Wild und verstänkerte es. Die Gefahr war gegeben, dass sie das Wild auf Dauer vergrämen.

Und nicht nur das. Karl Schnabel merkte, dass Karl Hubert schlecht gelaunt war wie selten. Das nicht bei jedem Ansitz etwas erlegt wird war ihnen nicht neu. Und wenn sie früher auch unverhältnismäßig viel Erfolg hatten, waren diese wenigen vergebenen halben Nächte kein Grund schlechte Laune zu bekommen.

In Karl Huberts Toyota Land Cruiser hielt Karl es nicht mehr aus und fragte Karl. „Was ist los mit dir? Ist dir ne Wildsau über die trockne Leber gelaufen?“ Der Karl am Lenkrad schnaufte, nicht unähnlich eines Ebers, und knurrte dann vor sich hin. „Hätte ich den Kerl nur nicht Germanistik studieren lassen. Seine Mutter sagt der Mensch macht nur das gut, was er gerne tut. Als hätte ich mir was aussuchen können – damals.“
Karl der Sparkassendirektor versuchte Karl zu trösten. „Lehrer an unserem Gymnasium ist nicht schlecht, auch wenn dir der Nachfolger fehlt. Es gibt Schlimmeres.“
„Schriftsteller will der werden. Nicht Lehrer.“ Grunzte Karl abfällig. „Und letztens hat er sich geweigert mit mir auf die Jagt zu gehen. Findet “Tiere ermorden” neuerdings widerlich. Wie er sagt. Der wird mir noch zum Müßlifresser verkommen. Ganz blass sieht er schon jetzt aus. Womit habe ich das verdient!“
„Ich dachte Schriftsteller leben in einem permanenten Exzess. Sitzen den Tag über in der Bar und denken bei diversen Drinks nach was sie in der Nacht am Schreibtisch mithilfe einer Flasche Whisky aufschreiben wollen.“ Karl Hubert schnaufte verächtlich und schwieg auf der Rückfahrt. Sie vereinbarten auch keinen neuen Termin für die kommenden Abende, als er den Sparkassendirektor an seinem Einfamilienhaus absetzte. Der Fuhrunternehmer sah Karl Schnabel nicht in die Augen, als sie sich verabschiedeten, gab aber beim Anfahren dermaßen heftig Gas, das alle vier Räder kurz durchdrehten ehe das ESP eingriff.

Am darauffolgenden Vormittag rief Karl Karl in der Sparkasse an und sagte ihm, dabei um Fassung ringend, er gebe sein Jagdrevier auf. Ob es Karl übernehmen möchte – fragte er. Karl vergaß die Order eines wichtigen Kunden auszuführen.

Einerseits war da die Freude über ein eigenes Revier. Andererseits war da der unberechenbare Wind. Ab Februar bleiben ihm nur Schwarzwild und Böcke. Schmalspießer, Hirsche und Ricken haben Schonzeit. Eine Jagtsaison ohne ordentliches Gehörn. Er wusste, das er, zumal als Jungpächter, zum Gespött würde, wenn er zum Schützenfest nichts vorzuzeigen hat. Und das nur wegen des Windes. Karl wollte all seine Hochstände neu ausrichten zu lassen, kam aber, nachdem er den Kostenvoranschlag der Forstverwaltung sah, schnell davon ab. Es gab auch tausenderlei Sicherheitseinwände. Eine Straße da. Ein Wanderweg dort. Selbst eine Hühnermastanlage stellte sich als sicherheitsrelevantes und zu schützendes Objekt heraus.

Sein Budget die Jagt betreffend wollte er nicht überziehen, zumal seine Frau, die sich von ihm mittlerweile getrennt hatte, happige Ansprüche geltend machte. Da kein Ertrag durch verkauftes Wildbret zu erwarten war stand das diesbezügliche Konto schon vor der Schonzeit tief im roten Bereich. Er grübelte in seiner Dachkammer und fand einfach keine Lösung des Windproblems. Karl war zuhause ausgezogen, da seine Frau das Eigenheim für sich beanspruchte, weil sie meinte, er wohne ohnehin im Wald.

Der alljährliche Karnevalsumzug in der Kreisstadt brachte den Durchbruch. Karls Leben war gerettet. Er sah den Karnevalsprinzen hoch oben auf einem der Wagen in einer Kiste mit Dach stehen, aus der er Karamelle auf die angetrunkenen Massen warf.

Das zusammengezimmerte Ding sah aus wie eine Karikatur einer seiner Hochstände. Karl erinnerte sich, als er vom Fenster, von dem aus er den Umzug beobachtet hatte, zurück zu seinem Schreibtisch ging, an einen alten Stellmacher in Lohfelden und beauftragte ihn die Idee eines fahrbaren Hochstandes in die Realität umzusetzen.

Ehe die Schonzeit zu Ende war, fuhr er seinen Hochstand Abend für Abend an den Wald und in den rechten Wind. Wählte saftig bewachsenen Lichtungen aus, und suchte die am intensivsten begangenen Wildwechsel. Schoß Schwarzwild in solchen Massen, das er noch nicht einmal die ihm zustehende Leber essen konnte und sie weiträumig verschenken musste.

Selbst den vom niederem Haarwild benutzten, schlecht zu findenden, Pass konnte er bequem bejagen und begehrte Feldhasen (schwarz) für einiges Geld an ein Sternerestaurant liefern.

Ein Jahr lang lebte Ernst mehr im Wald als hinter seinem Schreibtisch. Hatte sich zum Meister des Delegierens entwickelt und dachte bezüglich der Arbeit an seinen Vorruhestand, als er, von meinem auf den anderen Tag, fristlos entlassen wurde. Die Order, die er vergaß auszuführen als Karl im unerwartet sein Revier anbot, betraf, kurz darauf wertlos verfallene, Lehmann-Zertifikate. Auftraggeber war der Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Kreissparkasse.

Seitdem sieht man Karl, seien Hochstand im Schlepp, übers Land, nördlich von Kassel, ziehen.

© 2012// Thomas Gatzemeier