Der neue sah den Typen mit der Fliege fragend an. Das Eis
war geknackt. Sie würden mit einer satten Abfindung rausrücken.
Das war so gut wie sicher. Edgar Wünschel hatte sie
in die Enge getrieben, ohne daß er noch deutlicher werden
mußte.
»Wir zahlen Ihnen einen angemessenen Anteil der vereinbarten
Abfindung. Halben Monatssatz vom Grundgehalt
auf die Monate der Zugehörigkeit zum Haus«, sagte der
Justitiar mit der Fliege unwillig.
»Benötige ich gerade nicht«, warf Edgar ein. »Gehe fischen
nach Nordkarelien. Kleine Insel, großer See. Schon da gewesen?
Hütte am Waldrand am Wasser und eine Ruhe, die
ist unvorstellbar, sag ich Ihnen. Kaum zu glauben, daß es im
weiten Weltenrund so etwas noch gibt. Und dazu Dunkelheit
den lieben langen Tag. Jetzt in dieser Jahreszeit. Dunkel auf
eine helle Art, nicht finster wie hier im Büro. Unvorstellbar!
Sagenhaft, sage ich Ihnen! Eis überall, und alles unschuldig
weiß zugedeckt. Kaminfeuer. Eisloch. Fisch. Angel. Sitzen.
Kopf frei. Sauna und alles von vorn, jeden Tag.«
»Und die Hälfte des Bonus, der in dem Vertrag, den sie
gerade zu brechen im Begriff sind, vereinbart wurde, dazu«,
blaffte der mit der Fliege. Der Neue war genervt, weil er
nicht verstand, was der Aktienhändler da zusammenredete.
Alle am Verhandlungstisch, außer Edgar, sahen den Neuen
erstaunt an.
Die waren total unvorbereitet, hatten in der Eile keine
Verhandlungsstrategie absprechen können. Edgar tat indessen
so, als ginge ihn das alles nichts an, nahm einen
Leibnizkeks, biß beherzt, knusperkrachend hinein. Öffnete
eine der kleinen Mineralwasserflaschen, die in der Mitte des
Tisches standen, Königin des Tafelwassers!, stellte ein Glas
vor sich hin. Goß sich ein. Wartete ab. Gespenstisch stille
Minuten vergingen, und Edgar schaute sich in Ruhe das
Bild an, das ihm gegenüber an der Wand hing. Das Bild
mit der Panzergarage und den gleichgültig Skatspielenden
darauf, war im Büro des Vorstandvorsitzenden gelandet und
beherrschte in unangenehmer Art und Weise den gesamten
Raum, da es für diesen Ort wohl geeignet, aber doch viel zu
groß war. Keiner der Anwesenden verstand, was das Bild zu
sagen hatte und keiner merkte, daß es gerade sie widerspiegelte,
so wie sie absurd an diesem Tisch saßen und spielten.
»Was wollen Sie denn noch?«, fragte der ungeduldige
Justitiar.
»Fischen. Erst einmal.«
»Und dann?«
»Immer noch fischen. Lesen endlich auch. Paula hat schon
früher gesagt, ich soll lesen, um die Welt zu begreifen. Aber
auch Elche beobachten, wie sie den zugefrorenen See überqueren.
Darüber nachdenken, warum die Tiere keinen
Horizont kennen.«
www.soll-und-haben-verlag.de
Seen and shot by:
Thomas Gatzemeier
Artist and Writer
info@thomas-gatzemeier.de
Part of:
AUGE CREATIVE NETWORK
The creative network for all friends of fine art,
good taste and beautiful things everyday.
http://augenetwork.tumblr.com/
Initialised by:
Oliver Semik
http://oliversauge.tumblr.com/ Ask me anything
Thomas Gatzemeier
Artist and Writer
info@thomas-gatzemeier.de
Part of:
AUGE CREATIVE NETWORK
The creative network for all friends of fine art,
good taste and beautiful things everyday.
http://augenetwork.tumblr.com/
Initialised by:
Oliver Semik
http://oliversauge.tumblr.com/ Ask me anything
December 31, 2011
Auszug aus “Morgen, morgen wird alles zum guten Ende kommen!” Edgar Wünschel, der Aktienhändler kündigt.