January 3, 2012
Karls beweglicher HochsitzJahrelang blieb ihm nichts anderes übrig als mit anderen auf Jagt zu gehen. Karl Schnabel bekam trotz unentwegten Bemühens kein eigenes Revier. Geld hatte er zur Genüge und selbstverständlich auch ein anerkanntes Renommee. Als Sparkassendirektor in der nahen Kreisstadt kannte er die Jäger der Region und ihre finanziellen Verhältnisse wie kein Anderer. Alle Reviere aufgeteilt und in Ewigkeit festgezurrt. So schien es zu sein. Da im Unterschied zu anderen ländlichen Gebieten selbst die gebildetsten Söhne nicht vom Ort und in die Welt gehen wollten, war nichts zu machen. Sie übernahmen seit Generationen das väterliche Recht zum waidgerechten Erlegen der hiesigen Wildtiere und heirateten vornehmlich junge Frauen aus den umliegenden Dörfern und Ortschaften. Kein Anderer kam in irgendeinem der Reviere zum Zug oder Schuss. Karl Hubert, der ein beständig expandierendes Fuhrgeschäft betrieb, welches sein Urgroßvater aufgebaut hatte, konnte gut mit Schnabel und er nahm ihn auch, fast immer, mit auf seinen Ansitz. Sie schwiegen, wenn es notwendig war, und unterhielten sich, wenn es etwas zu besprechen gab. Über die Jahre erlegten sie einiges an Wild und hatten es fertiggebracht in ein und derselben Millisekunde ihre Schüsse abzufeuern ohne das sie sich ins Gehege gekommen währen - der eine das Stück Wild des anderen durch explodierendes Pulver verjagte oder ihm gar einen stattlichen Hirsch unter der Flinte erlegte. Die Beiden (obwohl von unterschiedlicher körperlicher Beschaffenheit – der Fuhrunternehmer litt an Adipositas) passten zusammen und Karls Sohn kam immer seltener mit, weil er zum Studieren nach Heidelberg aufgebrochen war. Ihnen raubte nichts die Ruhe, da sie weit vor Einbruch der Dunkelheit das Revier betraten - sprich befuhren - und nach frischen Fährten suchten. Nach diesen wählten sie den Hochsitz aus, auf dem sie so lange ausharrten, bis die kleine Herde Damwild es sich direkt vor ihnen bequem gemacht hatte. Äsung war auf den ausgesuchten Lichtungen genügend vorhanden. Ohne die Luft anzuhalten, aber absolut still, lauerten sie, die Waffe im Anschlag, um das zu erlegende Stück sorgfältig auszuwählen. Warf eines der Tiere den Kopf auf, sei es durch kackendes Geäst oder eines vorbeischnürenden Fuchses wegen, schossen sie ihren einen Schuss zusammen ab und zwei stattliche Stücke Rothwild lagen vor ihnen hingebettet ohne sich weiter zu rühren. An dem Tag, als die Karls ihre Gewehre entluden, nachdem sie die Ansitzleiter runterstiegen, weil kein Wild auftauchte, war klar, das nichts mehr vorauszuberechnen währe, da die Winde machten, was sie wollten. Kam früher der Wind vorzugsweise aus West, kam er in letzter Zeit immer öfter aus Ost oder gar Süd. Dafür waren die Ansitzeinrichtungen in ihrem Revier nicht gedacht. Es gibt guten und schlechten Wind. Der Gute kommt von vorne. Ihnen wehte der Wind schon seit Tagen in den Nacken und trug ihren Geruch zum Wild und verstänkerte es. Die Gefahr war gegeben, dass sie das Wild auf Dauer vergrämen. Und nicht nur das. Karl Schnabel merkte, dass Karl Hubert schlecht gelaunt war wie selten. Das nicht bei jedem Ansitz etwas erlegt wird war ihnen nicht neu. Und wenn sie früher auch unverhältnismäßig viel Erfolg hatten, waren diese wenigen vergebenen halben Nächte kein Grund schlechte Laune zu bekommen. In Karl Huberts Toyota Land Cruiser hielt Karl es nicht mehr aus und fragte Karl. „Was ist los mit dir? Ist dir ne Wildsau über die trockne Leber gelaufen?“ Der Karl am Lenkrad schnaufte, nicht unähnlich eines Ebers, und knurrte dann vor sich hin. „Hätte ich den Kerl nur nicht Germanistik studieren lassen. Seine Mutter sagt der Mensch macht nur das gut, was er gerne tut. Als hätte ich mir was aussuchen können – damals.“Karl der Sparkassendirektor versuchte Karl zu trösten. „Lehrer an unserem Gymnasium ist nicht schlecht, auch wenn dir der Nachfolger fehlt. Es gibt Schlimmeres.“„Schriftsteller will der werden. Nicht Lehrer.“ Grunzte Karl abfällig. „Und letztens hat er sich geweigert mit mir auf die Jagt zu gehen. Findet “Tiere ermorden” neuerdings widerlich. Wie er sagt. Der wird mir noch zum Müßlifresser verkommen. Ganz blass sieht er schon jetzt aus. Womit habe ich das verdient!“ „Ich dachte Schriftsteller leben in einem permanenten Exzess. Sitzen den Tag über in der Bar und denken bei diversen Drinks nach was sie in der Nacht am Schreibtisch mithilfe einer Flasche Whisky aufschreiben wollen.“ Karl Hubert schnaufte verächtlich und schwieg auf der Rückfahrt. Sie vereinbarten auch keinen neuen Termin für die kommenden Abende, als er den Sparkassendirektor an seinem Einfamilienhaus absetzte. Der Fuhrunternehmer sah Karl Schnabel nicht in die Augen, als sie sich verabschiedeten, gab aber beim Anfahren dermaßen heftig Gas, das alle vier Räder kurz durchdrehten es das ESP eingriff. Am darauffolgenden Vormittag rief Karl Karl in der Sparkasse an und sagte ihm, dabei um Fassung ringend, er gebe sein Jagdrevier auf. Ob es Karl übernehmen möchte – fragte er. Karl vergaß die Order eines wichtigen Kunden auszuführen.Einerseits war da die Freude über ein eigenes Revier. Andererseits war da der unberechenbare Wind. Ab Februar bleiben ihm nur Schwarzwild und Böcke. Schmalspießer, Hirsche und Ricken haben Schonzeit. Eine Jagtsaison ohne ordentliches Gehörn. Er wusste, das er, zumal als Jungpächter, zum Gespött würde, wenn er zum Schützenfest nichts vorzuzeigen hat. Und das nur wegen des Windes. Karl wollte all seine Hochstände neu ausrichten zu lassen, kam aber, nachdem er den Kostenvoranschlag der Forstverwaltung sah, schnell davon ab. Es gab auch tausenderlei Sicherheitseinwände. Eine Straße da. Ein Wanderweg dort. Selbst eine Hühnermastanlage stellte sich als sicherheitsrelevantes und zu schützendes Objekt heraus. Sein Budget die Jagt betreffend wollte er nicht überziehen, zumal seine Frau, die sich von ihm mittlerweile getrennt hatte, happige Ansprüche geltend machte. Da kein Ertrag durch verkauftes Wildbret zu erwarten war stand das diesbezügliche Konto schon vor der Schonzeit tief im roten Bereich. Er grübelte in seiner Dachkammer und fand einfach keine Lösung des Windproblems. Karl war zuhause ausgezogen, da seine Frau das Eigenheim für sich beanspruchte, weil sie meinte, er wohne ohnehin im Wald.Der alljährliche Karnevalsumzug in der Kreisstadt brachte den Durchbruch. Karls Leben war gerettet. Er sah den Karnevalsprinzen hoch oben auf einem der Wagen in einer Kiste mit Dach stehen, aus der er Karamelle auf die angetrunkenen Massen warf. Das zusammengezimmerte Ding sah aus wie eine Karikatur einer seiner Hochstände. Karl erinnerte sich, als er vom Fenster, von dem aus er den Umzug beobachtet hatte, zurück zu seinem Schreibtisch ging, an einen alten Stellmacher in Lohfelden und beauftragte ihn die Idee eines fahrbaren Hochstandes in die Realität umzusetzen. Ehe die Schonzeit zu Ende war, fuhr er seinen Hochstand Abend für Abend an den Wald und in den rechten Wind. Wählte saftig bewachsenen Lichtungen aus, und suchte die am intensivsten begangenen Wildwechsel. Schoß Schwarzwild in solchen Massen, das er noch nicht einmal die ihm zustehende Leber essen konnte und sie weiträumig verschenken musste. Selbst den vom niederem Haarwild benutzten, schlecht zu findenden, Pass konnte er bequem bejagen und begehrte Feldhasen (schwarz) für einiges Geld an ein Sternerestaurant liefern. Ein Jahr lang lebte Ernst mehr im Wald als hinter seinem Schreibtisch. Hatte sich zum Meister des Delegierens entwickelt und dachte bezüglich der Arbeit an seinen Vorruhestand, als er, von meinem auf den anderen Tag, fristlos entlassen wurde. Die Order, die er vergaß auszuführen als Karl im unerwartet sein Revier anbot, betraf, kurz darauf wertlos verfallene, Lehmann-Zertifikate. Auftraggeber war der Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Kreissparkasse.Seitdem sieht man Karl, seien Hochstand im Schlepp, übers Land, nördlich von Kassel, ziehen.© 2012// Thomas Gatzemeier

Karls beweglicher Hochsitz

Jahrelang blieb ihm nichts anderes übrig als mit anderen auf Jagt zu gehen. Karl Schnabel bekam trotz unentwegten Bemühens kein eigenes Revier. Geld hatte er zur Genüge und selbstverständlich auch ein anerkanntes Renommee.
Als Sparkassendirektor in der nahen Kreisstadt kannte er die Jäger der Region und ihre finanziellen Verhältnisse wie kein Anderer. Alle Reviere aufgeteilt und in Ewigkeit festgezurrt. So schien es zu sein.

Da im Unterschied zu anderen ländlichen Gebieten selbst die gebildetsten Söhne nicht vom Ort und in die Welt gehen wollten, war nichts zu machen. Sie übernahmen seit Generationen das väterliche Recht zum waidgerechten Erlegen der hiesigen Wildtiere und heirateten vornehmlich junge Frauen aus den umliegenden Dörfern und Ortschaften. Kein Anderer kam in irgendeinem der Reviere zum Zug oder Schuss.

Karl Hubert, der ein beständig expandierendes Fuhrgeschäft betrieb, welches sein Urgroßvater aufgebaut hatte, konnte gut mit Schnabel und er nahm ihn auch, fast immer, mit auf seinen Ansitz. Sie schwiegen, wenn es notwendig war, und unterhielten sich, wenn es etwas zu besprechen gab. Über die Jahre erlegten sie einiges an Wild und hatten es fertiggebracht in ein und derselben Millisekunde ihre Schüsse abzufeuern ohne das sie sich ins Gehege gekommen währen - der eine das Stück Wild des anderen durch explodierendes Pulver verjagte oder ihm gar einen stattlichen Hirsch unter der Flinte erlegte.

Die Beiden (obwohl von unterschiedlicher körperlicher Beschaffenheit – der Fuhrunternehmer litt an Adipositas) passten zusammen und Karls Sohn kam immer seltener mit, weil er zum Studieren nach Heidelberg aufgebrochen war.

Ihnen raubte nichts die Ruhe, da sie weit vor Einbruch der Dunkelheit das Revier betraten - sprich befuhren - und nach frischen Fährten suchten. Nach diesen wählten sie den Hochsitz aus, auf dem sie so lange ausharrten, bis die kleine Herde Damwild es sich direkt vor ihnen bequem gemacht hatte. Äsung war auf den ausgesuchten Lichtungen genügend vorhanden. Ohne die Luft anzuhalten, aber absolut still, lauerten sie, die Waffe im Anschlag, um das zu erlegende Stück sorgfältig auszuwählen. Warf eines der Tiere den Kopf auf, sei es durch kackendes Geäst oder eines vorbeischnürenden Fuchses wegen, schossen sie ihren einen Schuss zusammen ab und zwei stattliche Stücke Rothwild lagen vor ihnen hingebettet ohne sich weiter zu rühren.

An dem Tag, als die Karls ihre Gewehre entluden, nachdem sie die Ansitzleiter runterstiegen, weil kein Wild auftauchte, war klar, das nichts mehr vorauszuberechnen währe, da die Winde machten, was sie wollten. Kam früher der Wind vorzugsweise aus West, kam er in letzter Zeit immer öfter aus Ost oder gar Süd. Dafür waren die Ansitzeinrichtungen in ihrem Revier nicht gedacht.

Es gibt guten und schlechten Wind. Der Gute kommt von vorne. Ihnen wehte der Wind schon seit Tagen in den Nacken und trug ihren Geruch zum Wild und verstänkerte es. Die Gefahr war gegeben, dass sie das Wild auf Dauer vergrämen.

Und nicht nur das. Karl Schnabel merkte, dass Karl Hubert schlecht gelaunt war wie selten. Das nicht bei jedem Ansitz etwas erlegt wird war ihnen nicht neu. Und wenn sie früher auch unverhältnismäßig viel Erfolg hatten, waren diese wenigen vergebenen halben Nächte kein Grund schlechte Laune zu bekommen.

In Karl Huberts Toyota Land Cruiser hielt Karl es nicht mehr aus und fragte Karl. „Was ist los mit dir? Ist dir ne Wildsau über die trockne Leber gelaufen?“ Der Karl am Lenkrad schnaufte, nicht unähnlich eines Ebers, und knurrte dann vor sich hin. „Hätte ich den Kerl nur nicht Germanistik studieren lassen. Seine Mutter sagt der Mensch macht nur das gut, was er gerne tut. Als hätte ich mir was aussuchen können – damals.“
Karl der Sparkassendirektor versuchte Karl zu trösten. „Lehrer an unserem Gymnasium ist nicht schlecht, auch wenn dir der Nachfolger fehlt. Es gibt Schlimmeres.“
„Schriftsteller will der werden. Nicht Lehrer.“ Grunzte Karl abfällig. „Und letztens hat er sich geweigert mit mir auf die Jagt zu gehen. Findet “Tiere ermorden” neuerdings widerlich. Wie er sagt. Der wird mir noch zum Müßlifresser verkommen. Ganz blass sieht er schon jetzt aus. Womit habe ich das verdient!“
„Ich dachte Schriftsteller leben in einem permanenten Exzess. Sitzen den Tag über in der Bar und denken bei diversen Drinks nach was sie in der Nacht am Schreibtisch mithilfe einer Flasche Whisky aufschreiben wollen.“ Karl Hubert schnaufte verächtlich und schwieg auf der Rückfahrt. Sie vereinbarten auch keinen neuen Termin für die kommenden Abende, als er den Sparkassendirektor an seinem Einfamilienhaus absetzte. Der Fuhrunternehmer sah Karl Schnabel nicht in die Augen, als sie sich verabschiedeten, gab aber beim Anfahren dermaßen heftig Gas, das alle vier Räder kurz durchdrehten es das ESP eingriff.

Am darauffolgenden Vormittag rief Karl Karl in der Sparkasse an und sagte ihm, dabei um Fassung ringend, er gebe sein Jagdrevier auf. Ob es Karl übernehmen möchte – fragte er. Karl vergaß die Order eines wichtigen Kunden auszuführen.

Einerseits war da die Freude über ein eigenes Revier. Andererseits war da der unberechenbare Wind. Ab Februar bleiben ihm nur Schwarzwild und Böcke. Schmalspießer, Hirsche und Ricken haben Schonzeit. Eine Jagtsaison ohne ordentliches Gehörn. Er wusste, das er, zumal als Jungpächter, zum Gespött würde, wenn er zum Schützenfest nichts vorzuzeigen hat. Und das nur wegen des Windes. Karl wollte all seine Hochstände neu ausrichten zu lassen, kam aber, nachdem er den Kostenvoranschlag der Forstverwaltung sah, schnell davon ab. Es gab auch tausenderlei Sicherheitseinwände. Eine Straße da. Ein Wanderweg dort. Selbst eine Hühnermastanlage stellte sich als sicherheitsrelevantes und zu schützendes Objekt heraus.

Sein Budget die Jagt betreffend wollte er nicht überziehen, zumal seine Frau, die sich von ihm mittlerweile getrennt hatte, happige Ansprüche geltend machte. Da kein Ertrag durch verkauftes Wildbret zu erwarten war stand das diesbezügliche Konto schon vor der Schonzeit tief im roten Bereich. Er grübelte in seiner Dachkammer und fand einfach keine Lösung des Windproblems. Karl war zuhause ausgezogen, da seine Frau das Eigenheim für sich beanspruchte, weil sie meinte, er wohne ohnehin im Wald.

Der alljährliche Karnevalsumzug in der Kreisstadt brachte den Durchbruch. Karls Leben war gerettet. Er sah den Karnevalsprinzen hoch oben auf einem der Wagen in einer Kiste mit Dach stehen, aus der er Karamelle auf die angetrunkenen Massen warf.

Das zusammengezimmerte Ding sah aus wie eine Karikatur einer seiner Hochstände. Karl erinnerte sich, als er vom Fenster, von dem aus er den Umzug beobachtet hatte, zurück zu seinem Schreibtisch ging, an einen alten Stellmacher in Lohfelden und beauftragte ihn die Idee eines fahrbaren Hochstandes in die Realität umzusetzen.

Ehe die Schonzeit zu Ende war, fuhr er seinen Hochstand Abend für Abend an den Wald und in den rechten Wind. Wählte saftig bewachsenen Lichtungen aus, und suchte die am intensivsten begangenen Wildwechsel. Schoß Schwarzwild in solchen Massen, das er noch nicht einmal die ihm zustehende Leber essen konnte und sie weiträumig verschenken musste.

Selbst den vom niederem Haarwild benutzten, schlecht zu findenden, Pass konnte er bequem bejagen und begehrte Feldhasen (schwarz) für einiges Geld an ein Sternerestaurant liefern.

Ein Jahr lang lebte Ernst mehr im Wald als hinter seinem Schreibtisch. Hatte sich zum Meister des Delegierens entwickelt und dachte bezüglich der Arbeit an seinen Vorruhestand, als er, von meinem auf den anderen Tag, fristlos entlassen wurde. Die Order, die er vergaß auszuführen als Karl im unerwartet sein Revier anbot, betraf, kurz darauf wertlos verfallene, Lehmann-Zertifikate. Auftraggeber war der Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Kreissparkasse.

Seitdem sieht man Karl, seien Hochstand im Schlepp, übers Land, nördlich von Kassel, ziehen.

© 2012// Thomas Gatzemeier








January 1, 2012
Schöpfungsgeschichte Teil Nr. 37 Mio. 983 Tsd 728Der fliegende Fisch.Erna Schätzle und Reinhold Schätzle, zwei Frühpensionäre aus dem Schwäbischen, unternahmen ihre achtzehnte Kreuzfahrt in der Karibik, als das unfassbare Wunder geschah. Am zweiten Tag der dritten Woche standen sie halb sieben in der Früh in der Schlange vor dem Frühstücksrestaurant um ihren Lieblingstisch am Heck, Backbord im Freien zu ergattern. Reinhold Schätzle hatte, als ehemaliger Regierungspräsidiumsbeamter und Oberstudiendirektor, nicht nur ein Durchsetzungsfähiges und Respekt einflößendes Auftreten, sondern auch einen grauen dicht gewachsenen Schnurrbart und eine Hornbrille im Gesicht. Nachdem sie blitzschnell ihren Tisch besetzt hatten, gingen die beiden abwechselnd zu den diversen Büfetts. Einer hielt die Stellung und wehrte Gäste ab, die es wagten, ihrem acht Plätze zählenden weiß lackierten Tisch zu nahe zu kommen. Ein grimmiges Lächeln mit nebstbei kurz geschütteltem Kopf reichte meist, um solch ein unverschämtes Begehr im Ansatz abzuwehren. Da die Hurricane-season schon begonnen hatte und an diesem denkwürdigen Tag keiner der Gäste draußen frühstücken mochte, weil zu befürchten war, die aufwendig gesteckte und geföhnte Frisur der Gattin käme durcheinander, waren die beiden so entspannt wie selten auf einer ihrer Reisen. Erna und Reinhold hatten strenge Gütertrennung aber trotzdem brachte die Frau ihrem Mann heute eine Kleinigkeit zum Essen mit, weil der Kaviar der Lachsforelle immer schneller wegging, als man da war. Also, sie hatte ein mittelgroßes Glas unter einer Serviette auf dem Tablett angeschleppt, konnte jedoch, wegen der Neigung nach dem Genuss von Kaviar fischig aufzustoßen, ohnehin nur einige kleine Löffel davon zu sich nehmen. Gern gab sie Reinhold von ihrem reichen Fang ab. Da gekochtes Ei und Kaviar, zusammen genossen, durchaus erträglich ist, gab sich der Frühpensionär dem Genuss hin und achtete nicht auf die stärker werdenden Sturmböen. Plötzlich fuhr ein kleiner Wirbelwind übers Heck und nahm dem verdutzten Genießer Ei samt Kaviar und Röstbrot vom Teller. Zog diese Ingredienzien, eines durchaus gescheiten Frühstücks, hoch in die Lüfte und lies alles zusammen, nahe eines lauschigen Eilandes, fallen. Grenada war es. Wie später behauptet wurde.Die Bedingungen waren Gut und das geröstete Roggenbrot vom Bäcker Maier die rechte Unterlage um eine neue Art entstehen zu lassen. Die Gene des Ei verflochten sich zierlich mit denen des Kaviars und es dauerte nicht länger als ein-zwei Jahre und schon fingen einige Fische an zu fliegen. Seit dem ist die EU - und Brüssel im Besonderen - wachsam, um genau zu beobachten, ob die Beflügelung der Fische auch auf Wale und andere Großfische übergreift. Bis jetzt sind noch keine Auffälligkeiten öffentlich bekannt geworden. Jedoch hat das Verteidigungsministerium genaue Pläne ausgearbeitet, wie fliegende Haie, im Falle eines eskalierenden Streits um Fischereirechte, am besten einzusetzen währen.

Schöpfungsgeschichte Teil Nr. 37 Mio. 983 Tsd 728

Der fliegende Fisch.

Erna Schätzle und Reinhold Schätzle, zwei Frühpensionäre aus dem Schwäbischen, unternahmen ihre achtzehnte Kreuzfahrt in der Karibik, als das unfassbare Wunder geschah. Am zweiten Tag der dritten Woche standen sie halb sieben in der Früh in der Schlange vor dem Frühstücksrestaurant um ihren Lieblingstisch am Heck, Backbord im Freien zu ergattern.
Reinhold Schätzle hatte, als ehemaliger Regierungspräsidiumsbeamter und Oberstudiendirektor, nicht nur ein Durchsetzungsfähiges und Respekt einflößendes Auftreten, sondern auch einen grauen dicht gewachsenen Schnurrbart und eine Hornbrille im Gesicht.
Nachdem sie blitzschnell ihren Tisch besetzt hatten, gingen die beiden abwechselnd zu den diversen Büfetts. Einer hielt die Stellung und wehrte Gäste ab, die es wagten, ihrem acht Plätze zählenden weiß lackierten Tisch zu nahe zu kommen. Ein grimmiges Lächeln mit nebstbei kurz geschütteltem Kopf reichte meist, um solch ein unverschämtes Begehr im Ansatz abzuwehren.

Da die Hurricane-season schon begonnen hatte und an diesem denkwürdigen Tag keiner der Gäste draußen frühstücken mochte, weil zu befürchten war, die aufwendig gesteckte und geföhnte Frisur der Gattin käme durcheinander, waren die beiden so entspannt wie selten auf einer ihrer Reisen. Erna und Reinhold hatten strenge Gütertrennung aber trotzdem brachte die Frau ihrem Mann heute eine Kleinigkeit zum Essen mit, weil der Kaviar der Lachsforelle immer schneller wegging, als man da war.

Also, sie hatte ein mittelgroßes Glas unter einer Serviette auf dem Tablett angeschleppt, konnte jedoch, wegen der Neigung nach dem Genuss von Kaviar fischig aufzustoßen, ohnehin nur einige kleine Löffel davon zu sich nehmen. Gern gab sie Reinhold von ihrem reichen Fang ab.

Da gekochtes Ei und Kaviar, zusammen genossen, durchaus erträglich ist, gab sich der Frühpensionär dem Genuss hin und achtete nicht auf die stärker werdenden Sturmböen.
Plötzlich fuhr ein kleiner Wirbelwind übers Heck und nahm dem verdutzten Genießer Ei samt Kaviar und Röstbrot vom Teller. Zog diese Ingredienzien, eines durchaus gescheiten Frühstücks, hoch in die Lüfte und lies alles zusammen, nahe eines lauschigen Eilandes, fallen. Grenada war es. Wie später behauptet wurde.

Die Bedingungen waren Gut und das geröstete Roggenbrot vom Bäcker Maier die rechte Unterlage um eine neue Art entstehen zu lassen. Die Gene des Ei verflochten sich zierlich mit denen des Kaviars und es dauerte nicht länger als ein-zwei Jahre und schon fingen einige Fische an zu fliegen. Seit dem ist die EU - und Brüssel im Besonderen - wachsam, um genau zu beobachten, ob die Beflügelung der Fische auch auf Wale und andere Großfische übergreift. Bis jetzt sind noch keine Auffälligkeiten öffentlich bekannt geworden. Jedoch hat das Verteidigungsministerium genaue Pläne ausgearbeitet, wie fliegende Haie, im Falle eines eskalierenden Streits um Fischereirechte, am besten einzusetzen währen.

December 31, 2011
Noch wurde dem neuen Jahr kein Gewicht zugemessen.

Noch wurde dem neuen Jahr kein Gewicht zugemessen.

December 31, 2011
Auszug aus “Morgen, morgen wird alles zum guten Ende kommen!” Edgar Wünschel, der Aktienhändler kündigt.

Der neue sah den Typen mit der Fliege fragend an. Das Eis
war geknackt. Sie würden mit einer satten Abfindung rausrücken.
Das war so gut wie sicher. Edgar Wünschel hatte sie
in die Enge getrieben, ohne daß er noch deutlicher werden
mußte.
»Wir zahlen Ihnen einen angemessenen Anteil der vereinbarten
Abfindung. Halben Monatssatz vom Grundgehalt
auf die Monate der Zugehörigkeit zum Haus«, sagte der
Justitiar mit der Fliege unwillig.
»Benötige ich gerade nicht«, warf Edgar ein. »Gehe fischen
nach Nordkarelien. Kleine Insel, großer See. Schon da gewesen?
Hütte am Waldrand am Wasser und eine Ruhe, die
ist unvorstellbar, sag ich Ihnen. Kaum zu glauben, daß es im
weiten Weltenrund so etwas noch gibt. Und dazu Dunkelheit
den lieben langen Tag. Jetzt in dieser Jahreszeit. Dunkel auf
eine helle Art, nicht finster wie hier im Büro. Unvorstellbar!
Sagenhaft, sage ich Ihnen! Eis überall, und alles unschuldig
weiß zugedeckt. Kaminfeuer. Eisloch. Fisch. Angel. Sitzen.
Kopf frei. Sauna und alles von vorn, jeden Tag.«
»Und die Hälfte des Bonus, der in dem Vertrag, den sie
gerade zu brechen im Begriff sind, vereinbart wurde, dazu«,
blaffte der mit der Fliege. Der Neue war genervt, weil er
nicht verstand, was der Aktienhändler da zusammenredete.
Alle am Verhandlungstisch, außer Edgar, sahen den Neuen
erstaunt an.
Die waren total unvorbereitet, hatten in der Eile keine
Verhandlungsstrategie absprechen können. Edgar tat indessen
so, als ginge ihn das alles nichts an, nahm einen
Leibnizkeks, biß beherzt, knusperkrachend hinein. Öffnete
eine der kleinen Mineralwasserflaschen, die in der Mitte des
Tisches standen, Königin des Tafelwassers!, stellte ein Glas
vor sich hin. Goß sich ein. Wartete ab. Gespenstisch stille
Minuten vergingen, und Edgar schaute sich in Ruhe das
Bild an, das ihm gegenüber an der Wand hing. Das Bild
mit der Panzergarage und den gleichgültig Skatspielenden
darauf, war im Büro des Vorstandvorsitzenden gelandet und
beherrschte in unangenehmer Art und Weise den gesamten
Raum, da es für diesen Ort wohl geeignet, aber doch viel zu
groß war. Keiner der Anwesenden verstand, was das Bild zu
sagen hatte und keiner merkte, daß es gerade sie widerspiegelte,
so wie sie absurd an diesem Tisch saßen und spielten.
»Was wollen Sie denn noch?«, fragte der ungeduldige
Justitiar.
»Fischen. Erst einmal.«
»Und dann?«
»Immer noch fischen. Lesen endlich auch. Paula hat schon
früher gesagt, ich soll lesen, um die Welt zu begreifen. Aber
auch Elche beobachten, wie sie den zugefrorenen See überqueren.
Darüber nachdenken, warum die Tiere keinen
Horizont kennen.«

www.soll-und-haben-verlag.de

December 27, 2011
Nomen est omen!

Nomen est omen!

November 30, 2011
Aufhängung

Aufhängung

November 30, 2011
Kultur am Arbeitsplatz

Kultur am Arbeitsplatz

November 11, 2011
2/11 A Aktie werterneuert/Radio Company20,5 x 30,5 cmAcryl und Tusche auf Tiefdruck

2/11 A Aktie werterneuert/Radio Company
20,5 x 30,5 cm
Acryl und Tusche auf Tiefdruck

October 21, 2011

Lesung aus dem Roman “Morgen, morgen wird alles zum guten Ende kommen”
Estes Kapitel “Unfall an einem beliebigen Morgen”

Erscheint am 25 Oktober 2011 als E-Book bei Amazon Kindle Edition

July 17, 2011
“Die Irrtümer des Herrn Dr. Seibold” Aus dem Band “Der Uneinsichtige” Erzählungen von Thomas Gatzemeier 2011 

An jenem Tag bin ich bei Charlotte aufgewacht
und kam mir da ziemlich fremd vor. Zwei Monate
sind wir nun schon zusammen, also schläft der eine
mal dort, und der andere mal da. So, wie das
bis jetzt läuft, finde ich dies eine gute Lösung,
aber irgendwann werden wir sicherlich zusammenziehen.
Allein der Vernunft wegen ist es unsinnig,
zwei Haushalte zu führen. Jedoch – hier
fangen die Probleme schon an. Wohin ziehen wir,
wenn wir zusammenziehen. Ich meine, in welchen
Stadtteil. Also, ich bevorzuge eindeutig die
südliche Vorstadt, weil ich urbanes Leben mag
und nicht in der Stadt so tun muss, als wohnte
ich auf dem Land. Da, wo sie jetzt wohnt, ist es
sehr ruhig, sehr grün, wenn es die Jahreszeit hergibt,
sehr sauber, und, was mich viel mehr stört,
auch schrecklich kleinbürgerlich. Jedenfalls bin
ich heute aufgewacht und erschrak, weil ich mich
nicht so schnell umorientieren kann, wenn ich in
einer fremden Umgebung des Morgens die Augen
aufschlage und Dinge sehe, die mir nicht vertraut
sind. So ungefähr zwanzigmal bin ich nun in diesem
Bett erwacht. Ja, es ist ein Erwachen in einem
absolut fraulich geprägten Schlafzimmer. Immer
noch denke ich, ich sei falsch hier, gehörte nicht in

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dieses Zimmer und schon gar nicht in dieses Bett.
Angefangen mit dem Gegenüber. Also: wenn ich
an mir, die Beine lang, herabschaue und auf die
Wand sehe, da hängt, ganz nobel golden gerahmt,
eine orientalische Stickerei. Die hat sie aus Istanbul
mitgebracht. Das ganze Schlafzimmer ist zart pastellblau
gestrichen, und die vergoldeten Sterne
am Himmel – ich meine an der Decke – konnte
sie sich zu allem Überfluss auch nicht verkneifen.
Lackblau ist der Kleiderschrank von IKEA,
und da gibt es noch so einen rokokohaften, vergoldeten
Schminktisch. Auch ein hypermodernes
Stoffsesselding, das sich schlecht beschreiben lässt,
aber mit einem cremefarbenen weichen Stoff bezogen
ist, füllt das nicht allzu große Zimmer.
Natürlich schwere dunkelblaue Samtvorhänge vor
den Fenstern, die mit einer goldenen Kordel gerafft
sind. Satinbettwäsche so blau wie diese Vorhänge.
Die Krönung der Einrichtung ist das Bett an sich.
Ein Messinggestell. Streben an Kopf- und Fußende,
elegant geschwungen, auch in der Art des Rokoko.
Messingkügelchen auf den Pfosten. Es schläft sich
gut hier. In jeder Beziehung romantisch, und die
nächtlichen Spiele sind intensiv, obwohl ich dann
doch erschrocken war, als sie, nachdem ich erst
das dritte Mal bei ihr übernachtete, meine Arme
an die Streben des Kopfendes fesselte. Sie hatte
das wohl in einem Film gesehen und fand den Sex
auf diese Art gut, wie ich an ihrem ausschweifenden
Benehmen bemerkte. Auch der Sessel ist ein

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herrliches Gestell zum Betreiben der Penetration.
Aber wenn ich bei mir in der südlichen Vorstadt
aufwache: Futon, Wände weiß, Schrank weiß
(Klavierlack), Bettgestell schwer, flach über den
Boden schwebend, hölzern, schwarz, allerdings
auch edler Lack, rohe, einfach abgezogene Dielen,
die gewachst sind, und an den Wänden vergrößerte
Faksimiledrucke von Bachpartituren in schlichten
hölzernen Rahmen. In solch einer Umgebung
sind die ersten Gefühle am Morgen doch ganz andere.
Bei mir bin ich auch nicht so weich gebettet
wie hier. Der harte Futon ist halt was ganz anderes.
Durch die Pferdehaare, die in der Matratze sind,
riecht mein Schlafzimmer bei solch einem feuchten
Wetter, wie wir es jetzt haben, auch richtig tierisch-
männlich. Oder, na ja, wie Pferdestall eben.
Hier riecht es dagegen warm, weich, nach frisch
gewaschener Wäsche und dem Parfüm, welches
sie trägt. Lotionen und all dieses Kosmetikzeug
auf dem Schminktisch verströmen ihre aufdringlichen
Düfte, so dass man denken könnte, man
wacht in einer Parfümerie auf. Vielleicht kommt
das auch daher, dieses Erschrecken am Morgen,
weil ich als Einzelkind aufgewachsen bin und
sorgsam behütet wurde. Das schafft nicht nur
beim Aufwachen Schwierigkeiten, auch bewältigt
man Probleme nicht so einfach. Man musste
sich ja nie gegen Geschwister durchsetzen,
und in der Schule dann hatte ich schnell gelernt,
mich anzupassen. Nur keinen Stress. Eine so enge

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Beziehung, wie die mit einer Frau, hat dann doch
andere Qualitäten. Bis jetzt, bis ich Charlotte kennenlernte,
hielten meine Beziehungen auch nicht
lange. Gehöre zur Gattung der Wegläufer. Gehe
den echten Konflikten gerne aus dem Wege.
Das ist schon in Ordnung so, aber irgendwann
muss ich ja dann doch mein kleinliches Ego ablegen.
Aber das weiss ich nun und arbeite auch daran.
Das sich irgendetwas geändert hat, merke ich daran,
das mir wohl ums Herz wird, wenn ich nur
an ihren Körper denke. Dieser ist ausgeprägt geformt.
Womit ich jedoch nicht meine, sie sei üppig
an sich. Sie hat halblanges, sportlich frisiertes,
dichtes, aber doch feines, geradezu seidiges, kastanienbraunes
Haar. Charlottes Gesicht ist trotz
des Berufs, den sie immer noch gern und außergewöhnlich
engagiert ausübt, mädchenhaft. Dass
sie hochgewachsen wirkt, obwohl sie nicht eigentlich
groß ist, rührt von den ausgeglichenen
Proportionen her. Nicht nur ihr Hintern sitzt
hoch oben und straff auf den langen muskulösen
Beinen, auch ihr Hals ist ungewöhnlich lang.
Die schmalen Füße passen jedoch nicht ganz zu
ihren eher kleinen Händen. Obwohl sie sich meist
anmutig bewegt, macht sie doch einen flinken und
zuweilen fast hitzigen Eindruck. Charlotte ist nicht
ungeschickt, wenn sie aus irgendeiner Situation
heraus ungewöhnliche Bewegungsabläufe absolvieren
muss, sondern hat die Koordination all ihrer
Gliedmaßen voll im Griff. Fast animalisch ist

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ihr Gesicht anzusehen. Der weite Augenabstand
und ihre üppigen Lippen elektrisieren mich. Ja,
ihr Gesicht hat durchaus etwas Rohes, wenn man
das so nennen kann, das mir aber trotzdem sehr
gut gefällt, obwohl es schon außergewöhnlich ist
und aus dem üblichen Muster des »Schönseins«
fällt. Einzig an dem Oberfettgewebe ihres Bauches
kann man sehen, dass sie so um die 40 ist. Da sie in
einer Zeit und in ähnlicher Art sozialisiert wurde
wie ich, ist sie meist sehr höflich und doch zuweilen
zynisch bis an den Rand des Unerträglichen.
Ja ich glaube, dass dieser Wesenszug eine dauerhafte
Beziehung bei Charlotte bis jetzt verhinderte
und es mit mir nur geht, weil wir uns in dem
Punkt gleichen. Aber im Gegensatz zu mir hat
sie auch etwas Aufsässiges an sich und meinte, so
schlau wie die anderen sei sie allemal. Dennoch
brachte sie es fertig, ein Allerweltsliebling zu sein,
ohne zu viel Nähe zulassen zu müssen. Ich konnte
sie einfach noch nicht einschätzen. Einerseits war
sie scheu, und andererseits fordernd. Manchmal
geradezu drängend. Und wie liebenswert sie ihre
Ziele verfolgt. Da ist es schlecht möglich, ihr einen
Wunsch auszuschlagen.
Trotzdem ertappe ich mich immer wieder, wie
ich sie verändern will, obwohl mir klar sein sollte,
dass dies in ihrem Alter eigentlich aussichtslos ist.
Vor allem, weil Charlotte, wie ich auch, keinerlei
Erfahrung hat, wie eine haltbare Beziehung beschaffen
sein muss, um Zukunft zu haben.

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Charlotte war auch heute schon früh zur Schule gegangen.
Sie hatte in der ersten Stunde Unterricht.
Sie ist Deutsch- und Geschichtslehrerin. Ich jedoch
nahm mir Zeit, überlegte, was als erstes
zu tun sei, und putzte mir die Zähne in einem
eher kleinen, aber mit Tübchen, Fläschchen,
Büchschen, Quasten, Spiegelchen, Hängeschränkchen,
Morgenmäntelchen, plüschigen, wild bunten
Handtüchern und Personenwaagen überfülltem
Bad. Später musste ich die Toastbrote über
dem Geschirrbecken aneinander reiben, weil diese
schwarz verbrannt waren. Toaster begreife ich
nicht, aber es war kein anderes Brot im Haus
und ich musste das Ding bedienen, um überhaupt
etwas essen zu können. So pappig wie diese
Brotscheiben ungetoastet schmecken, sind sie einfach
ungenießbar. Dieses kalte Klack mit dem die
Dinger, die Toastbrote, nach oben rausspringen,
erschreckt mich immer. Kein guter Ton, so am
Morgen. Vor allem erschreckte ich, weil im Radio
die Eilmeldung kam, dass der Ministerpräsident
zurückgetreten sei und ich konzentriert da hinhörte.
Wegen einer Anlageaffäre bei der Landesbank
trat der zurück. Um vom Land Schaden fern zu
halten, liess er mitteilen, tue er dies und nicht, weil
er sich irgendetwas vorzuwerfen hätte. Das wurde
auch Zeit. Obwohl ich insgeheim hoffte, dass es
für ihn noch peinlicher würde. Da bin ich schon
ein bisschen schadenfroh, wenn ein Politiker, der
in seiner Arroganz ersäuft, die Demontage seiner

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selbst betreibt, und will auch sehen, wie er sich so
richtig blamiert. Das sind die Zeiten, in denen ich
auch öfter mal vor dem Fernseher sitze.
Ich ergötze mich daran, wenn sich diese Typen
um Kopf und Kragen reden und so richtig vor
der Öffentlichkeit entblättern, was hinter ihrem
Machtwillen eigentlich steckt. Denke immer,
komm mach, ich will sehen, was in dir steckt!
Christlich ist das nicht!
Nachdem die Toastbrotscheiben nun krachend
aus dem Apparat nach oben geschossen waren,
roch ich, was geschehen war. Auch dies ist so ein
Problem in meiner jetzigen Beziehung. Wenn es
eine ist oder werden sollte. Sie ist unendlich nachlässig,
was die Nahrungsaufnahme anbetrifft, die
Charlotte. Essen, ja dort scheiden sich die Geister.
Wenn das nicht stimmt, mit dem Essen, werde
ich unleidlich, das kann ich beim besten Willen
nicht vertragen. Nicht die Menge ist es, aber
Toastbrot? Kulturloser geht es nicht! Wir haben
schon oft darüber geredet. Was habe ich nicht alles
gekocht! Meeresfrüchte und Fisch lehnt sie sowieso
ganz und gar ab, Lamm ist auch schlecht.
Nicht, dass sie Vegetarierin wäre, nein, es ist das
Interesse! Wer nicht neugierig ist, wird nichts entdecken,
das geht einfach nicht. Da muss man sich
öffnen können und nicht immer nur das Vertraute
wiederholen. Wenn es Reichtum gibt, dann ist es
der der Neugier geschuldete. Nur so kann man
Unbekanntes entdecken, seinen Horizont erweitern.

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Ich kann mir nicht vorstellen, mit einem Menschen
zu leben, der keine Esskultur hat. Wie sollte ich da
überleben. Dass sie sehr erotisch ist, ja das kann
man sagen. So abwechslungsreich und unkompliziert
mit einer Frau gevögelt habe ich selten, und
ich bin viel herumgekommen. War früher direkt
wölfisch. Das mit dem Sex ist Fakt, und da gibt es
auch nichts dran rumzumäkeln. Jedoch kann dies
ein gutes Essen nicht ersetzen, denn man isst ja jeden
Tag, und das in der Regel dreimal.

*

Obwohl es leicht nieselte, war die Aussicht aus dem
Küchenfenster zum Park hin angenehm. Weniger
Jogger waren zu sehen, aber die Hundeleute müssen
immer raus. Eingemummelt in Regenjacken
liefen sie herum und hatten die Kapuzen tief in
ihre Gesichter gezogen. Hundeleute haben selten
Regenschirme. Sie kennen sich aus mit Wetter,
wissen, dass es bei einem solchen Sturm keinen
Nutzen hat, mit Schirmen raus zu gehen. Sie kennen
die gebrochenen Rippen und abgerissenen
Schlaufen. Obwohl ich keinen Hund habe, hatte
ich, Gott sei Dank, auch eine Regenjacke dabei,
denn das Wetter war schon seit Tagen so, und
ein Tiefdruckgebiet jagte das nächste von West
nach Ost über die Leipziger Tiefebene dahin. Die
Jacke zog ich an, weil die Straßenbahn bald kommen
würde, und ging zur Virchowstraße hoch,
zur Haltestelle. Das war die letzte Haltestelle der

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Linie 12 vor der Endstadion, oder die erste nach
dieser. Je nachdem, aus welcher Perspektive man
schaut. Also eine Sache des Standpunktes. An dieser
Haltestelle ist ein kleiner Laden, der hoffentlich
noch lange existiert. Denn wenn ich von den
Proben oder von einem Konzert spät zu Charlotte
komme, hat der noch auf. Bis zweiundzwanzig
oder dreiundzwanzig Uhr und manchmal, wenn
die Inhaberin wusste, dass sich im Sankt Georg,
das ist das Krankenhaus am Rande der Stadt,
Schichten verschoben hatten, oder eine große
Messe stattfand und zu erwarten war, dass noch
Kundschaft käme, blieb der kleine Laden einfach
länger auf, und das auch am Samstag und selbst
am Sonntag. Sehr früh dann, da war er wohl ebenfalls
schon auf. Aber zu dieser Zeit gehe ich in der
Regel noch nicht los. An jenem Laden beginnt
dann auch die Urbanität, welche ich meine, wenn
ich in unseren Diskussionen dafür plädiere, in die
Südvorstadt zu ziehen. Da, an der Straße, und
an dem kleinen Laden, stehen nämlich immer
Männer rum und trinken. Einfach immer stehen
die da herum. Einfach immer.
Wie schon erwähnt, ganz früh am Morgen war ich
noch nicht da, aber ich vermute, dass auch dann
schon welche dastehen, weil sie einfach morgens
anfangen zu zittern, und so hilft nichts anderes, als
sich an den Laden zu stellen, unter das Vordach,
weil man da geschützt ist und trotzdem auch mitten
im Leben. Also, es sind Menschen um einen

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herum, und man fühlt sich nicht so einsam wie
zu Hause. Im Laden werden sie mit Namen angesprochen,
wenn die Männer sich ihr Bier holen.
Das passiert sonst nur noch auf dem Amt oder der
Agentur, wie das jetzt heißt, wenn sie mal wieder
dahin müssen, was jedoch viel seltener als früher
der Fall ist, da ihre Vermittlung, selbst in einen
Ein-Euro-Job, sehr unwahrscheinlich geworden
ist. Dann ist es auch gut, dass sie da hingehen an
den kleinen Laden. Wenn sie am Morgen nichts
trinken würden, ginge es ihnen viel schlechter.
Sie würden erst unruhig werden, dann zittern
die Hände und zu guter Letzt träten verdächtige
Schweißperlen auf ihre Stirn. Wenige Stunden
dauert das nur, und dann gibt es aber richtige
Probleme. Gesundheitlich, meine ich.
So treffen sie sich, trinken die ersten Schlucke nicht
etwa bedächtig wie Weintrinker. Gönnen sich und
dem Getränk einfach keine Zeit. Da wird nicht
herumgeschnüffelt und die Farbe kritisch beäugt,
geschlürft, gekaut, geschluckt und die Lippen geschürzt,
bedächtig mit dem Kopf genickt, wenn
der Wein im Abgang einen guten Charakter hat.
Nein, kein Ritual ist bei ihrem Tun. Sie schütten
einfach eine halbe Flasche Bier runter, und es dauert
nicht lange, bis sich ihr durch den Entzug über
Nacht in Unordnung geratener Organismus beruhigt.
Sie werden auch wieder ausgeglichener. Jeder
Mensch ist anders. Einige nehmen auch erst einmal
einen kleinen Flachmann mit Doppelkorn zu

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sich. Das geht am schnellsten. Glücklicherweise
wird nach der ersten Alkoholzufuhr ganz langsam
der Blick der Männer, die an dem kleinen Laden
stehen, ein anderer. Wenn sie eintreffen, gucken sie
noch stierig geradeaus. Einfach unangenehm. Von
manchen könnte man durchaus meinen, sie seien
Psychopathen. So nach ein oder zwei Stunden
wird dieser erst harte Blick weich und man sieht,
dass sie zwar nicht glücklich sind, aber doch zufriedener
als zuvor. Den einen habe ich schon oft
gesehen, der stand meist ein wenig an der Seite,
aber immer noch dabei. Oben an der großen
Straße ist es nicht so reinlich, wie da unten am
Park. Da wird nicht das Leben mit einer seidenen
(natürlich blauen und das garantiert noch hellen
– ich meine blauen) Decke zugedeckt. Hier kann
man sehen, was ist. Verschlafen stehen nicht nur
die Trinker am Laden, auch die, die noch Arbeit
haben stehen hier, und zwar gegenüber an der
Haltestelle. Die sehen nicht immer gut aus. Einige
der Frauen aber doch. Die sind auch morgens
schon gut anzusehen, und Studentinnen stehen
auch da. Aber darüber rede ich jetzt nicht, es ist
einfach noch zu früh für mich, in der Hinsicht tiefergehende
Betrachtungen anzustellen. Charlotte
sieht mich auch immer so schräg an, wenn ich
Menschen betrachte, auch Frauen. Ärgerlich wird
sie. Nun ja. Stehe gerne da, an der Haltestelle.
Menschen betrachten, das liebe ich. Das könnte
mein Beruf sein.

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